Ein feines Netz aus Linien in der Glasur, manchmal erst nach Jahren zu sehen und oft dunkel verfärbt: Haarrisse sind bei Keramik häufig. Hier liest du, woher sie kommen, wann sie gewollt sind und was sie für die Hygiene deiner Tasse bedeuten.
Die Bilder in diesem Beitrag wurden mit KI erstellt.
Woher Haarrisse kommen
Glasur und Scherben dehnen sich bei Wärme unterschiedlich aus. Dehnt sich die Glasur stärker aus als der Scherben, entstehen Haarrisse. Dehnt sie sich weniger aus, platzt sie ab (wissen.de). Beim Abkühlen im Ofen schrumpft die erstarrte Glasur dann stärker als der Scherben, wird gedehnt und reißt (Digitalfire).

Glasuren halten Druck viel besser aus als Zug, bis zum Zehnfachen. Deshalb bringt man sie beim Brennen unter Druckspannung. Poröse Keramik ändert aber mit der Feuchte und über die Zeit ihre Länge, das kennt man von Steingutgeschirr. Dann kann die Druckspannung der Glasur nach einer Weile in Zug umschlagen, und es entstehen Haarrisse (Keramik-Institut Meißen). Das Wasser kann zum Beispiel über einen unglasierten Standring in einen niedrig gebrannten Scherben ziehen (Digitalfire).
Die häufigsten Auslöser
- Glasur und Scherben passen nicht zusammen: Die Glasur dehnt sich stärker aus als der Scherben.
- Feuchtigkeit im Scherben: vor allem bei porösem, niedrig gebranntem Scherben.
- Temperaturschock: etwa kalte Flüssigkeit in einer heißen Tasse.
- Zu dicke Glasur: Sie reißt eher als eine dünne.
Haarrisse können Tage, Monate oder Jahre nach dem Brand auftauchen (Digitalfire).
Craquelé: wenn die Risse gewollt sind
Craquelé ist eine Glasur, die absichtlich reißt, über dieselbe Fehlanpassung. Typisch ist es bei niedrig gebrannter Ware und bei Raku. Oft wird Farbe in die Risse eingerieben (Digitalfire). Ein berühmtes Beispiel ist die Ge-Ware der Südlichen Song-Dynastie aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Laut dem Ashmolean Museum wurden dort Eisenspäne in die gerissene Glasur eingerieben (Ashmolean Museum).

Für Gebrauchsgeschirr gehen die Meinungen auseinander. Nach Digitalfire schwächt Craquelé die Ware stark und gehört nicht auf Flächen, von denen man isst oder trinkt. Ein Porzellanhersteller sieht Haarrisse bei Keramik meist als Abnutzung und nicht zwangsläufig als Mangel. Sind sie sichtbar oder verfärbt, soll das Stück aber aus hygienischen Gründen nicht mehr für Speisen und Getränke dienen (Herstellerangabe).
Warum sich die Risse verfärben
In die Risse dringen Flüssigkeiten und Farbstoffe ein, besonders aus Tee, Kaffee und Gewürzen. Die Rückstände lassen sich oft nicht mehr vollständig entfernen, schreibt derselbe Hersteller. Werden die Linien im Gebrauch dunkler, stammt die Farbe aus Speisen und Getränken, und die Stellen sind schwer oder gar nicht zu reinigen (Digitalfire).

Ist die Tasse noch hygienisch?
Aussagen deutscher Behörden zu Haarrissen und Keimen in Keramik haben wir nicht gefunden. Nach Digitalfire können sich Bakterien in den Rissen halten, wenn darunter ein poröser Scherben liegt, der Wasser aufnimmt. Die Reinigung braucht dann mehr Sorgfalt.
Ein kleiner Laborversuch der University of Richmond zeigt das. Ein harmloses Milchsäurebakterium überstand auf Fliesen mit Haarrissen Abwischen, Abspülen und Spülen mit Seife bei 42 °C. Nach einem Spülmaschinengang bei 75 °C mit Laborreiniger war nichts mehr nachweisbar. Auf Fliesen ohne Risse überlebten die Bakterien nur das bloße Abwischen. Getestet wurde allerdings nur ein Bakterienstamm (Ceramics Monthly).
Ob der Scherben schon Wasser gezogen hat, zeigt ein grauer Schimmer entlang der Risse. Die Tasse klingt beim Anschlagen dann auch nicht mehr hell (Digitalfire). Warum solche Tassen nicht in die Mikrowelle gehören, erklärt unser Beitrag Dürfen getöpferte Tassen in die Spülmaschine und die Mikrowelle?.
Bei bleihaltigem Geschirr kommt ein zweiter Punkt dazu: Laut einer kalifornischen Gesundheitsbehörde kann die Belastung größer sein, wenn die Oberfläche abgeplatzt, gerissen oder abgenutzt ist (California Department of Public Health). Was es mit Blei in Glasuren auf sich hat, liest du in Ist Glasur giftig?.
Lässt sich das reparieren?
Mit Goldlack nach Kintsugi-Art oder mit Kleber reparierte Keramik eignet sich nur dann für Lebensmittel, wenn der Kleber lebensmittelecht ist (Verbraucherzentrale).

Das traditionelle Kintsugi klebt mit Urushi, dem Saft des Lackbaums, gemischt mit Reis- oder Mehlkleister. Zum Aushärten braucht der Lack hohe Luftfeuchte und ein bis drei Monate (Britannica). Roher Lack enthält Urushiol, das bei Hautkontakt Allergien auslöst (Staatliche Kunstsammlungen Dresden). Auch fertige Lackware kann bei empfindlichen Menschen noch Allergien auslösen (Contact Dermatitis). Bei modernen Sets mit Epoxidharz sind die Angaben der Anbieter uneinheitlich, manche erklären ihr Set ausdrücklich für nur dekorativ (Herstellerangabe).
Weiterlesen
Wie Glasur und Scherben im Ofen zusammenkommen, erklärt Wie wird eine Keramiktasse hergestellt?. Warum der Scherben so viel ausmacht, liest du in Ist Steinzeug oder Steingut besser für Tassen?. Tassen findest du bei unseren handgemachten Keramiktassen.
Quellen
- Digitalfire Reference Library: Glaze Crazing, Glaze Crazing, Troubleshooting, Crackle Glaze und Crazing due to moisture expansion, abgerufen 30.09.2026
- wissen.de Lexikon: Glasur (Werkstoffkunde), abgerufen 30.09.2026
- KI Keramik-Institut Meißen: Glossar, 2025
- Ashmolean Museum: Ge ware dish with foliated rim, abgerufen 30.09.2026
- Ceramics Monthly: Techno File: Dirty Dishes, November 2018
- California Department of Public Health: Questions and Answers About Lead in Tableware, 14.05.2019
- Verbraucherzentrale: Keramik im Lebensmittelbereich, 05.08.2026
- Encyclopaedia Britannica: Kintsugi, 28.01.2023
- Staatliche Kunstsammlungen Dresden: Urushi: Die traditionelle Arbeit mit Lack in Japan, 22.02.2019
- Contact Dermatitis: Heat treatment of Japanese lacquerware renders it hypoallergenic, Oktober 1992
- Sandy Leaf Farm: Is Kintsugi Food Safe?, Herstellerangabe, abgerufen 30.09.2026
- Holst Porzellan: Craquelérisse, Herstellerangabe, abgerufen 30.09.2026

